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Bau-Consulting Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirt.-Ing. (FH) Laurenz Görres

Bauen als Konfliktquelle

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Betrachtung und Herkunft des Wortes "Vertrag"

 

Der Begriff "Vertrag" wurde erstmals im 15. Jahrhundert in der Urkundensprache erwähnt und löste den bis dahin geläufigen Begriff des "Kontrakts" ab. Etymologisch betrachtet ist der Begriff des "Vertrags" auf das Verb "vertragen" zurückzuführen, dass in seiner ursprünglichen Bedeutung für das "Aushalten", "Dulden" und "Ertragen" steht. Daraus bildete sich der Begriff des "Vertrag Schließens", der gleichbedeutend ist mit dem Verständnis eine "Sache zum Austrag und Vergleich zu bringen". Die heute übliche Bedeutung für "vertragen" ist "gut miteinander auskommen" oder "etwas passt zusammen", worauf das Substantiv "Vertrag" im heutigen Sprachgebrauch zurückzuführen ist.

Wenn zwei oder mehr Parteien einen Vertrag abschließen, gehen sie dem Wort nach davon aus, dass sie gut miteinander auskommen und zueinander passen. Dass dem im Bauwesen häufig nicht so ist, zeigen die vielfältigen bei Gericht ansässigen Streitfälle. Remmer erfasst dies wie folgt:

„Wenn Parteien einen Vertrag schließen, besteht damit also der rechtliche und moralische Anspruch, sich zu vertragen, … Allerdings ist dieser Anspruch heute nicht (mehr) Richtschnur für das Verhalten der Parteien bei Bauverträgen.“

Remmer (2014)

Ursächlich für diesen Zustand ist, dass ein Vertrag von den Vertragsparteien nur noch formal juristisch betrachtet wird und eben nicht mehr in dem Sinn, eine Sache zusammen und einvernehmlich zu realisieren bzw. ein Problem gemeinsam anzugehen und zu lösen. Jede Partei fokussiert nur noch ihre vertraglichen Nachteile und ist in der Projektabwicklung hauptsächlich damit bemüht, diese Nachteile anderweitig zu kompensieren, indem sie versucht, für sich den höchsten Nutzen im Projekt zu generieren, was aber häufig auf Kosten der anderen Partei erfolgt. Dies hat mit "vertragen" nichts mehr zu tun, weil bei einem solchen "Vertragsverhalten" zwangsläufig unterschiedliche Standpunkte geschaffen werden, die zu Konflikten führen, "zumal keine Streitkultur vorhanden, vorgegeben noch praktiziert wird". Anstatt miteinander zu arbeiten, wird gegeneinander gearbeitet. Die Bedeutung des Vertrags wird also ins Gegenteil verkehrt. Die Folgen sind gravierend, wie Remmer feststellt:

„Der größte „Verlierer“ ist dabei das Projekt selbst und seine Qualität, da es seine „Fürsprecher“ verliert; und anschließend sind es zweifellos auch alle Beteiligte, die letztlich durch ihre Parteilichkeit … nur in eine Verlierersituation … gelangen können.“

Remmer (2014)

Heutige Vertragswerke und die Handhabung heutiger Vertragswerke in der Praxis haben sich also weit von der ursprĂĽnglichen Bedeutung des Begriffs "Vertrag" entfernt. Ziel muss es also sein, dass mittels eines fairen Vertragsmanagements diesen AuswĂĽchsen entgegengesteuert wird und dass das "sich vertragen" bzw. die Konfliktminimierung in den vertraglichen Mittelpunkt wieder gerĂĽckt wird. Diese Notwendigkeit wird auch von Zimmermann angemerkt:

„Vielmehr muss … der Frage nachgegangen werden, wie im Detail Regelungen aus den einzelnen Vertragswerken weiter im Hinblick auf eine Reduktion von Konfliktpotential spezifiziert werden können …“

Zimmermann (2009)

An der selben Stelle weist Zimmermann auch darauf hin,

"..., dass in Deutschland ein Handlungsbedarf zur Einführung alternativer und ergänzender Regelungen für Bauverträge besteht.“

Zimmermann (2009)

Die gängigen Bauverträge gehören demnach so modifiziert, dass die Vertragsparteien sich wieder mehr "vertragen".

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Illustrative Darstellung der Probleme bei der Vertragsgestaltung und -abwicklung

 

Zur Verdeutlichung, welche (geringen) Aspekte bereits zu einer Konflikteskalation führen können und wieso es wichtig ist, dass Verträge schriftlich und möglichst eindeutig im gegenseitigen Verständnis abzufassen sind, betrachten Sie bitte nacheinander die folgenden Bilder:

Klicken Sie zunächst hier: Bild1

Klick Sie danach hier: Bild2

Es gibt nicht DIE REALITÄT, sondern UNTERSCHIEDLICHE FORMEN DER WAHRNEHMUNG, die vom jeweiligen Betrachtungswinkel abhängig sind.

Klick Sie hier fĂĽr: Bildvergleich

 

Anmerkung: Ein identisches Bild kann durch einen veränderten Betrachtungswinkel zu einem anderen Bildinhalt führen. Im übertragenen Sinne bedeutet dies, dass unterschiedliche Meinungen, welche jede für sich nicht falsch sein muss, lediglich vom eingenommenen Betrachtungswinkel abhängig sind. Dies gilt auch für die Ursachen von Missverständnissen, Meinungsverschiedenheiten usw., die wiederum Auslöser für Konflikte und Streitigkeiten darstellen. Jede Vertragspartei liest, interpretiert und versteht die Dinge von ihrem Standpunkt bzw. Betrachtungswinkel aus etwas anders.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Vertragsparteien mit Vertragsabschluss einen möglichst ähnlichen Betrachtungswinkel auf die Vertragsinhalte haben - gleich wird er nie oder nur sehr selten sein. Für den Fall, dass die Betrachtungswinkel der Parteien zu große Unterschiede aufweisen und es dadurch zu Konflikten und Streitigkeiten kommt, ist es wichtig, vorvertraglich Lösungswege aus diesem Dilemma zu vereinbaren. Dafür gibt es verschiedenste Konfliktbeilegungsverfahren.

 


 

Literaturquellen

  • Zimmermann et al. (2009); Vergleich bauvertraglicher Regelungsmechanismen im Hinblick auf eine optimierte Abwicklung und zur Senkung von Konfliktpotential am Beispiel VOB, NEC und FIDIC
  • Kneipp (2011); Vorlesung "Internationale Bauverträger"; UniBwM
  • Remmer (2014); Nachhaltigkeit und Innovation in Baubetrieb und Tunnelbau; UniBwM

 


Bearbeitungsstand dieser Webseite: April 2018

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