Mitarbeiter in Saudi-Arabien
Anlagenbau in Saudi-Arabien
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Tunnelbau/-sanierung in Indien

Bau-Consulting Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirt.-Ing. (FH) Laurenz Görres

Konfliktbeilegungsverfahren der Mediation und
der Schlichtung

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Generelle Konflikt-Problematik im Bauwesen

 

In jedem gr√∂√üeren Projekt treten Missverst√§ndnisse, Widerspr√ľche und Meinungsverschiedenheiten auf, die im weiteren Projektverlauf zu Konflikten und nicht selten zu Streitf√§llen f√ľhren k√∂nnen. Im Vergleich zu anderen Industriezweigen ist das Bauwesen aber besonders anf√§llig f√ľr Konflikte und Streitigkeiten, was auf einige Besonderheiten des Bauens zur√ľckzuf√ľhren ist. Zu nennen w√§ren diesbez√ľglich:

  • die technische, organisatorische und personelle Komplexit√§t der Bauaufgabe,
  • der gro√üe Einfluss nat√ľrlicher Unw√§gbarkeiten hinsichtlich der Produktionsbedingungen (Randbedingungen und Umgebungsbedingungen) und
  • die unterschiedliche Auffassung zu den Mitwirkungspflichten des Auftraggebers.

Aus diesen Punkten ergibt sich bereits von selbst eine gewisse Anf√§lligkeit f√ľr Konflikte und Streitigkeiten. Die wesentlich h√∂here Konflikttr√§chtigkeit zu anderen Industriezweigen bzw. das sehr hohe Konfliktpotential im Bauwesen ergibt sich aber letztendlich aus der Art der Zusammenarbeit der Baubeteiligten, die:

  • sich √ľberwiegend konfrontativ zueinander verhalten,
  • allgemein mangelnde Umgangsformen aufweisen,
  • sich gegenseitig misstrauen und
  • deren Handeln durch begrenzte finanzielle Spielr√§ume stark beeinflusst wird.

Dazu kommt das mangelnde Vermögen der Beteiligten Konflikte selbst zu lösen, das seinen Ursprung in der hohe Einzelverantwort der am Projekt beteiligten Personen und einer hohen personenbezogenen Emotionalität hat.

Bauvorhaben sind deshalb im besonderen Ma√üe konflikttr√§chtig, weswegen im Bauwesen vergleichsweise h√§ufig prozessiert wird. Dies hat unterschiedlichste Gr√ľnde und f√ľhrt zu dem folgenden Dilemma:

‚ÄěEin Bauprozess f√ľhrt grunds√§tzlich nicht zur Regelung eines Konfliktes, sondern endet allenfalls mit einer Entscheidung."

Franke (2006)

Vor Gericht werden weniger die tatsächlichen Sachverhalte eines Bauverfahrens ermittelt als vielmehr Kompromisse geschlossen, die keine Partei richtig zufriedenstellen und beide Parteien Verluste bringen.

Zur Kl√§rung der tats√§chlichen Sachverhalte ist es zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung meistens schon zu sp√§t. Die streitausl√∂senden Geschehnisse liegen Monate, wenn nicht sogar Jahre zur√ľck, sind h√§ufig √§u√üert komplizierte technische Angelegenheiten und aufgrund der vielen Beteiligten und Abh√§ngigkeiten zudem komplexe Sachverhalte. Die nachtr√§gliche gerichtliche Aufarbeitung dieser Geschehnisse gestaltet sich entsprechend schwierig. Erschwerend kommt hinzu, dass das Gericht nicht den Gesamtkomplex der Bauma√ünahme betrachtet, sondern nur √ľber den von der Klage umfassten Ausschnitt des Konfliktes entscheidet, also nur Teilbetrachtungen durchf√ľhrt.

Aus diesem Grunde sind Bauprozesse "h√§ufig ineffektiv und damit auch un√∂konomisch f√ľr die Parteien". Sie kosten viel Geld und f√ľhren zu Zeitverlusten, die wiederum weitere Kosten nach sich ziehen durch Sch√§den auf der Sekund√§r- und Terti√§rebene (z. B. f√ľr Bauzeitverz√∂gerungen, Imageverluste usw.). Im Bauwesen gilt im Streitfall deswegen das folgende Prinzip:

‚ÄěDer Weg weg vom staatlichen Gericht ist grunds√§tzlich besser als der Weg dorthin."

Englert (2006)

Viel effektive als ein Gerichtsverfahren sind Verfahren wie Mediation, Streitschlichtung und Schiedsgutachten, weil sie zielgerichteter, schneller, g√ľnstiger und insgesamt effizienter sind.

F√ľr das Bauwesen sind insofern besondere vertragliche Regeln zur Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung sehr vorteilhaft, die sich bis heute aber in keinem Standardvertrag wiederfinden. Es gibt insgesamt nur wenige Modelle zur Konflikt- bzw. Streitbeilegung, die nicht nur aus einem einzigen Verfahren bestehen, sondern mehrere Verfahren entsprechend der Eskalationsentwicklung von Konflikten ber√ľcksichtigen.

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Die Suche nach dem "Königsweg" bei Baustreitigkeiten

 

Streitigkeiten im Bauwesen k√∂nnen h√§ufig nur bedingt durch Gerichtsverfahren gekl√§rt werden, weil Bau-Streitigkeiten i. d. R. hoch komplexe Streitf√§lle darstellen, die von einer Vielzahl an Parametern bzw. Personen beeinflusst werden. Bei Bau-Streitigkeiten kommen sehr viele Aspekte zusammen, die als Ganzes von einem Bau-Laien gar nicht und von einem Bau-Experten kaum (noch) zu erfassen sind, weil f√§cher√ľbergreifende Kenntnisse zur Bautechnik, zum Baurecht und zur Baubetriebswirtschaft erforderlich sind. Allein diese drei Aspekte und deren gegenseitige Beeinflussung machen eine Bausache bzw. eine Baustreitigkeit bereits zu einer sehr komplizierten Angelegenheit. Hoch komplex wird diese aber dadurch, dass eine gro√üe Anzahl an Beteiligten (‚Üí Menschen) mit ganz unterschiedlichen, nicht vorhersehbaren Verhaltensweisen √ľber einen l√§ngeren Zeitraum miteinander agieren. Konflikte sind so vorprogrammiert. Englert stellt diesen "Bau-Problemkreis" wie folgt dar:

Darstellung Bau-Problemkreis nach Englert

Quelle: Bau-Problemkreis nach Englert (2006)

 

In einem gerichtlichen Streitfall, in dem nicht oder kaum baufachkundige Anw√§lte und Richter versuchen diesen Problem-Kreis zu entwirren, f√ľhrt dies zu sehr langen Verfahrensdauern, hohen Streitkosten und h√§ufig auch zu nicht ausgewogenen und/oder nicht nachvollziehbaren Urteilen, die den Streit nach Au√üen hin zwar beenden, ihn tats√§chlich aber nur unzufriedenstellend l√∂sen. In vielen F√§llen wird vom Richter deswegen ein Vergleich angestrebt, weil die Komplexit√§t des Sachverhaltes ein eindeutiges Urteil unm√∂glich macht. Bau-Streitigkeiten werden aus diesen Gr√ľnden auch als "nichtjustiziabel" bezeichnet. Um einen gerechten Ausgleich zu ermitteln, fehlt es den Anw√§lten und der Richterschaft aber h√§ufig an technischem und insbesondere an bautechnischem und baubetrieblichem Sachverstand, weshalb die Streitigkeiten ihrem tats√§chlichen Grunde nach ungel√∂st bleiben.

Es gibt besserer Konfliktbeilegungsverfahren als das Gericht wie z. b. die Schlichtung und die Mediation. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass es in Deutschland keinen Zwang zu diesen Alternativen bzw. Verfahren gibt. Wer diese nicht gehen will, bleibt auf die schlechteste aller L√∂sungen angewiesen: dem staatlichen Gericht. Allen anderen stehen die "Au√üergerichtlichen Streitl√∂sungen" (Alternative Dispute Resolution oder Alternative Disput Regulation / ADR) zur Verf√ľgung, die aber nicht von sich aus gelten, sondern in jedem Einzelfall vertraglich zu vereinbaren sind. In Deutschland erprobte und bew√§hrte Alternativverfahren sind:

Darstellung alternativer Streitlösungsverfahren in Deutschland nach Englert

Quelle: Alternative Streitlösungsverfahren in Deutschland (eigene Darstellung angelehnt an Englert (2006))

 

Die Methode der au√üergerichtlichen Streitl√∂sung bzw- Streitbeilegung bietet sehr effektive Verfahren, um aufkommenden Spannungen, Krisen oder bereits manifestierte Konflikte und Streitigkeiten beizulegen. Es gilt dabei zu beachten, dass diese Alternativen nicht f√ľr alle aufkommenden Probleme bzw. Konfliktpotentiale anwendbar sind. Die durch Schlichtung, Mediation und Schiedsgutachten gut l√∂sbaren Konfliktpotentiale (Streitf√§lle) beschr√§nken sich auf Streitfragen zu:

  • Verg√ľtungsanspr√ľchen,
  • M√§ngelanspr√ľchen,
  • Beweisfragen,
  • K√ľndigung des Bauvertrages,
  • Haftungsfragen,
  • Vertragsstrafen,
  • Schadensersatz,
  • Honorarfragen,
  • Sicherheiten (bedingt),
  • Einstellung der Bauarbeiten (bedingt) und
  • Eilma√ünahmen (sofern ein Entscheidungsgremium bereits eingerichtet ist).

 

Den Vertragsparteien wird dringend angeraten, mit Vertragsabschluss sich bereits dar√ľber im Klaren zu sein, wie Konflikt- oder Streitf√§lle in der Bauausf√ľhrung gel√∂st werden sollen. Englert empfiehlt deshalb:

‚ÄěJeder Bauvertrag, gleich ob es sich um ein √∂ffentliches oder privates Bauvorhaben handelt, sollte von Anfang an eine Mediations- bzw. Schlichtungsvereinbarung mit verbindlich festgelegtem Mediator bzw. Schlichter (und deren Ersatzpersonen) enthalten. F√ľr die Frage, ob ein Mangel vorliegt oder nicht, sollte ebenso eine Schiedsgutachtervereinbarung - m√∂glichst mit Bindungswirkung - getroffen werden."

"Im Kaskadensystem, ..., sollte ebenfalls von Anfang an in jeden Bauvertrag eine Schiedsgerichtsvereinbarung aufgenommen und in gesonderter Urkunde das Verfahren, insbesondere aber auch schon die Besetzung des Schiedsgerichts (mit Ersatzbenennung) festgelegt werden. ..."

"Der Weg zum Gericht darf immer nur ultima ratio sein."

Englert (2006)

Die Parteien sollte sich bewusst sein, dass beide Parteien i. d. R. als Verlierer aus einem Gerichtsverfahren hervorgehen, weil dies f√ľr beide Parteien mit erheblichen Kosten und sonstigem Aufwand (Zeit, Nerven, Unsicherheiten usw.) verbunden ist.

Zu ähnlichem Ergebnis kommt auch Franke:

‚ÄěEs zeigt sich, dass Konfliktbew√§ltigung durch Gericht den Anforderungen und Bed√ľrfnissen des Baugeschehens immer seltener gerecht wird. Begegnungen vor Gericht sind unflexibel, kosten- und zeitintensiv, nicht selten treiben sie Streitbeteiligte in die Insolvenz und oft sind die Beziehungen nach Abschluss des Verfahrens derart ruiniert, dass ein zuk√ľnftiges Zusammenarbeiten kaum noch m√∂glich ist."

Franke (2006)

Kniffka - Richter am BGH - r√§t ebenso davon ab, Bau-Streitigkeiten in erster Instanz vor Gericht zu kl√§ren, da diese im Sachverhalt eine √ľberdurchschnittliche Komplexit√§t und einen √ľberdurchschnittlichen Streitwert aufweisen, der vor Gericht weder kompetent genug noch von der Zeit und den Kosten her zufriedenstellend gel√∂st werden kann.

 

Die gerichtliche Auseinandersetzung ist demnach sehr häufig nicht die beste Vorgehensweise, um Bau-Konflikte zu lösen.

 

Beide Parteien k√∂nnen jedoch gewinnen, wenn sie sich f√ľr die Streitbeilegung mittels alternativer Streitbeilegungsverfahren wie Mediation und Schlichtung entscheiden. F√ľr die Beilegung eines Gro√üteils der im Zuge eines Bauprojektes anfallenden Auseinandersetzungen sind Gerichte gar nicht erforderlich bzw. sogar ungeeignet und Verfahren wie die Schlichtung oder Mediation wesentlich besser geeignet.

Dies ist darauf zur√ľckzuf√ľhren, dass bei Konflikte, die eskaliert sind, der eigentliche und urspr√ľngliche Konfliktgegenstand (‚Üí Sachebene/-beziehung) h√§ufig in den Hintergrund geraten ist und durch viele andere (kleinere) Sachkonflikte und einen Beziehungskonflikt √ľberlagert wird. Es wird dann immer weniger um die eigentliche Sache und viel mehr um die am Streit beteiligten Personen gestritten. Statt die Ursachen des urspr√ľnglichen Konfliktes und m√∂gliche L√∂sungswege zu ermitteln, wird nach Verantwortlichen f√ľr das Gesamt-Dilemma gesucht. Schlichter und Mediatoren k√∂nnen hier viel besser regulierend eingreifen als ein Richter, indem sie zun√§chst den Konflikt auf der Beziehungebene bereinigen, bevor sie sich dem Sachkonflikt zuwenden. Ein Richter geht dagegen auf den Beziehungskonflikt nicht ein, sondern verhandelt ausschlie√ülich die Sache.

Ein weiterer Aspekt, der f√ľr die Mediation und die Schlichtung spricht, ist die M√∂glichkeit mit Mediation und Schlichtung Konflikt- und Streitpr√§vention zu betreiben. Im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren k√∂nnen beide Verfahren vorbeugend angewendet werden, sobald sich Spannungen zwischend den Parteien aufbauen. Kein Konflikt (ob gro√ü oder klein) muss "unter den Teppich gekehrt werden", und hohe bzw. angestaute Konfliktpotentiale, die fr√ľher oder sp√§ter zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung f√ľhren, lassen sich vermeiden, weil fr√ľhzeitig eingegriffen wird.

Aus diesem Grund sind Mediation und Schlichtung auf jeden Fall ein Teil des "Königswegs" zur Beilegung von Baustreitigkeiten. Nachfolgend wird die Streitlösung mittels "Mediation" und "Schlichtung" und das Thema "Konflikt" an sich näher dargestellt.

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Anmerkungen zum Begriff "Konflikt"

 

Der Begriff "Konflikt" ist nicht eindeutig geregelt. Im "Konflikt-Management" nimmt der Begriff "Konflikt" eine √ľbergeordnete Bedeutung an, unter der alle Formen von zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen erfasst werden. Von einer harmlosen Meinungsverschiedenheit bis hin zu einem gravierenden Streit kann hierbei unter dem Begriff "Konflikt" bzw. "Konflikt-Management" alles erfasst werden. Der Begriff "Konflikt" ersetzt sehr h√§ufig als Synonym andere Begriffe einer Auseinandersetzung. Aus diesem Grund gibt es f√ľr den Begriff "Konflikt" viele aber keine eindeutige Definition.

Auch wenn der Begriff "Konflikt" als eine Form der Auseinandersetzung generell negativ besetzt ist, kann er neben negativen auch positive Seiten aufweisen. "Im positiven Sinne können [Konflikte] auf Probleme hinweisen, indem die Beteiligten beginnen, Veränderungen vorzunehmen, indem sie anfangen, mehr zu kommunizieren, zu kooperieren, und Kreativitäten entwickeln, um den Konflikt zu bewältigen." Ein Konflikt kann somit schöpferische Kraft wecken. Im negativen Sinn dagegen löst ein Konflikt Beziehungen auf, verhindert angemessene Regelungen und vergeudet Ressourcen; und erweist sich als zerstörerisch bzw. destruktiv.

Menschen, die von der zerst√∂rerischen Wirkung eines Konfliktes betroffen sind, versuchen diesen "aus der Welt zu schaffen", indem sie den Konflikt auf m√∂glichst einfache, leicht nachvollziehbare, logische Erkl√§rungsmuster reduzieren. Erkennbare Konfliktursachen werden deswegen h√§ufig nur "linear additiv" ber√ľcksichtigt (d. h. ohne ohne auf ihre meist verdeckten inneren Abh√§ngigkeiten untereinander zu achten), wodurch der tats√§chliche Konfliktumfang vereinfachend betrachtet wird. Gleichzeitig wird der Konflikt personalisiert und die Ursachen f√ľr den Konflikt der Gegenpartei bzw. einer Gruppe oder einer Person zugewiesen, die dadurch "schadensersatzpflichtig" wird. Denken beide Parteien so, ergibt sich daraus eine Situation, bei der zumindest eine Partei, wenn nicht sogar beide Parteien als Verlierer hervorgehen.

Der Sachverhalt eines Konfliktes l√§sst sich jedoch nie einfach auf einen eindeutigen und abgenzbaren Tatbestand reduzieren, auch wenn jede Konfliktpartei f√ľr sich den Sachverhalt als eindeutig betrachtet. Es gibt nicht "die eine Sichtweise" auf einen Konflikt, sondern viele Sichtweisen, die von den Denkmustern, Gef√ľhlsmustern, Einstellungs- und Handlungsmustern der Betroffenen abh√§ngen. Deswegen gibt es im Denken des Menschen immer nur eine subjektive Wirklichkeit und aus diesem Grund nicht nur eine einzige L√∂sung sondern zahlreiche, die insgesamt stets vom Standpunkt des Betrachters gepr√§gt sind (siehe auch zuvor Bauen als Konfliktquelle (Bildbeispiele)

‚ÄěWir haben es nie mit der Wirklichkeit schlechthin zu tun, sondern immer nur mit Bildern der Wirklichkeit, also mit Deutungen. Die Zahl der jeweils m√∂glichen Deutungen ist subjektiv, aber durch das Weltbild des Betreffenden meist auf eine einzige, scheinbar m√∂gliche, vern√ľnftige und erlaubte begrenzt. Aufgrund dieser einen Umdeutung gibt es meist auch nur eine scheinbar m√∂gliche, vern√ľnftige und erlaubte L√∂sung."

Englert (2006) aus Watzlawik (1984 - Primärquelle)

Wahrnehmungs- bzw. Deutungsdifferenzen lassen sich in f√ľnf Konfliktbereiche wie folgt darstellen:

  • Beziehungskonflikte,
    ‚Üí entstehen sehr h√§ufig aus Kommunikationsst√∂rungen und/oder Verletzung der Gef√ľhle anderer. Durch Kommunikationsst√∂rungen werden W√ľnsche oder Ziele (z. B. das Werk-Soll) anders als - objektiv - gewollt beschrieben oder anders als - subjektiv - gedacht wahrgenommen, was Anlass f√ľr Auseinandersetzungen ist, die zu einem Beziehungskonflikt f√ľhren k√∂nnen.
  • Sachkonflikte,
    ‚Üí entstehen aus Meinungsunterschieden zu einer Sache bzw. wenn Daten anders interpretiert oder unterschiedliche Bewertungsmethoden angesetzt werden.
  • Interessenskonflikte,
    ‚Üí entstehen aus der fehlenden Befriedigung von Bed√ľrfnissen oder der Konkurrenz von Interessen.
  • Struktursystemskonflikte,
    → entstehen aus unklaren Organisationsstrukturen (Aufbau- / Ablauforganisation) oder ungleicher Verteilung von Macht und Autorität.
  • Wertkonflikte,
    ‚Üí entstehen aus Ideologie- oder Bewertungsunterschiede zu einem Sachverhalt.

 

Unabh√§ngig vom tats√§chlich vorliegenden Konflikt(bereich) ist i. d. R. nur ein kleiner Bruchteil des Konfliktes wirklich sichtbar. Bevor ein Konflikt ausbricht, schwelt dieser √ľber l√§nger Zeit im Hintergrund, wobei ein Konglomerat aus unterschiedlichen Hintergrundkonflikten entsteht. Irgendwann bricht aus diesem Konglomerat etwas nach au√üen sichtbar hervor und deutet auf einen Konflikt hin. Dies ist jedoch nur ein geringer Teil des ganzen Konfliktes, weshalb es besonders wichtig ist, auch den nicht-sichtbaren Teil des Konfliktes zu ergr√ľnden, da dieser den sichtbaren Teil des Konfliktes wesentlich beeinflusst und steuert. Verdeutlicht wird dies durch das "Eisbergmodell":

 

Darstellung Eisbergmodell f√ľr Konflikte nach Grieger

Quelle: Eisbergmodell f√ľr Konflikte (eigene Darstellung angelehnt an Grieger (2006))

 

Im Bauwesen liegen die Gr√ľnde f√ľr Konflikte in der Bauausf√ľhrung meist in der Phase der Akquise und des Vertragsabschlusses, in der der Besteller (AG) seine starke Position nutzt, um dem Bieter (AN) f√ľr einen Vertragsabschluss Zusagen abzuringen, die f√ľr diesen nur schwer tragbar sind (z. B. ein Auftragsssume mit geringem oder gar keinem Gewinn oder sogar unter Kosten und /oder mit viel Risikotragung).¬†¬†

Als mögliche Hintergrundkonflikte ergeben sich (siehe auch Eisbergmodell):

  • Interessenbed√ľrfnisse,
  • Gef√ľhle,
  • Beziehungsprobleme,
  • intrapersonale Probleme,
  • Werte,
  • Missverst√§ndnisse,
  • Kommunikationsprobleme,
  • Informationen,
  • Sichtweisen,
  • strukturelle Bedingungen.

Wenn sich ein Konflikt zeigt bzw. manifestiert hat, ist es f√ľr die richtige Wahl der Konfliktbew√§ltigungsstrategie wichtig, die typischen Verhaltensweisen der Konfliktbeteiligten (Menschen) zu kennen.

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Anmerkungen zur "Mediation" und "Schlichtung"

 

Gelingt es den Parteien nicht ihren Konflikt unter sich zu lösen, können sie einen neutralen Dritten beauftragen, bei der Lösungsfindung behilflich zu sein. Dazu haben sich zwei Verfahren etabliert:

  • Mediation und
  • Schlichtung.

 

Mediation

Das Konfliktbeilegungsverfahren der Mediation hat sich in den 1980-er Jahren in den USA entwickelt. Ausgangspunkt waren kostenintensive und langwierige Gerichtsverfahren, die den Streitparteien insgesamt unzufriedenstellende Ergebnisse brachten. So formierte sich eine wissenschaftliche Bewegung namens "alternative dispute resolution movement" (ADR), die nach alternativen Wegen der Streitbeilegung suchte. Allen daran Beteiligten wurde schnell klar, dass Verhandlungsverfahren den √ľblichen Verfahren (Rechtsweg oder Machtentscheidungen) √ľberlegen waren. Auf diese Weise etablierten sich zunehmend unterschiedliche Formen der Mediation.

Der Begriff der "Mediation" leitet sich aus dem englischen "to mediate" ab und bedeutet: "vermitteln". Bei der Mediation handelt es sich im engeren bzw. im umgangssprachlichen Sinn um ein Vermittlungsverfahren, bei dem die Konfliktparteien (‚Üí Medianten) unter Anleitung eines unparteiischen Dritten (‚Üí Mediator) eigenverantworlich versuchen, eine L√∂sung zu ihren Interessenunterschieden zu finden. Der Mediator hat dabei keine Entscheidungsmacht, sondern fungiert lediglich als √úbersetzer bzw. Vermittler zwischen den Parteien. Er leitet und strukturiert das Verfahren und dient evtl. als Katalysator um Spannungen zwischen den Medianten abzubauen. Der Mediator ist zur strikten Neutralit√§t verpflichtet. Er darf f√ľr keinen der Beteiligten Partei ergreifen.

Laut der Definition der europ√§ischen Kommission fungiert der Begriff "Mediation" jedoch als Sammelbegriff f√ľr Verfahren der alternativen Streitbeilegung:

‚Äě'Mediation' shall mean any process, however named or reffered to, where two or more parties to a dispute are assisted by a third party to reach an agreement on the settlement of the dispute, and regardless of whether the process is initiated by the parties, suggested or ordered by a court or prescribed by the national law of a Member State."

Grieger (2006)

Im √ľbergeordneten Sinne steht "Mediation" f√ľr den in Deutschland eher gel√§ufigen Begriff "Konfliktmanagement".

Die Mediation im Sinne eines Vermittlungsverfahrens l√§sst sich zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzen, wodurch es gegen√ľber anderen Verfahren einen wesentlichen Vorteil aufweist. Wenn die Konfliktparteien steigende Spannungen in ihrem Beziehungsverh√§ltnis versp√ľren, k√∂nnen sie ein Mediationsverfahren einleiten, um die weitere Eskalation des Konfliktes zu vermeiden. In diesem Sinne wirkt die Mediation pr√§ventiv auf die Konfliktvermeidung hin. Ist ein Konflikt bereits ausgebrochen, kann die Mediation reaktiv zur Konfliktregelung eingesetzt werden. Gleiches gilt f√ľr einen bereits gerichtsanh√§ngigen Konflikt bei dem die Konfliktregelung durch eine gerichtsnahe Mediation erfolgt statt durch ein richterliches Urteil.

Ein weiterer Vorteil der Mediation besteht darin, dass den Konfliktparteien durch Dritte keine Lösung unterbreitet bzw. aufgezwungen wird sondern sie eine Lösung in Eigenverantwortung ermitteln.

Wenn die Konfliktparteien in der Mediation keine L√∂sung finden, wird oft der Mediator um einen L√∂sungsvorschlag gebeten, den dieser als Mediator prinzipiell nicht geben darf, da er zur absoluten Neutralit√§t verpflichtet ist. Allerdings ist der Mediator zu diesem Zeitpunkt bereits √ľber alle Sachverhalte des Konfliktes informiert und kann sich als Bauexperte einen L√∂sungsvorschlag vorstellen. In solchen F√§llen sollte der Mediator an die Mediation ein Schlichtungsverfahren anh√§ngen und als Schlichter agieren. Dies geht aber nur, wenn die Konfliktparteien dem Mediator die entsprechende Befugnis dazu erteilen haben. Die Kopplung der Mediation mit einer Baustellenschlichtung ist also durchaus sinnvoll, wie auch Franke hervorhebt:

‚ÄěIm Sinne effektiver Streitbeilegung im Baubereich kann das Mediationsverfahren an ein Schlichtungsverfahren gekoppelt werden. Die Medianten vereinbaren eigenverantwortlich, dass der Mediator in Einzelf√§llen L√∂sungsvorschl√§ge unterbreiten darf und soll."

Franke (2006)

Wie der Mediator letztendlich agiert, ist sehr vom Willen der Konfliktparteien abh√§ngig. Die urspr√ľngliche Konzeption des Mediators sah nur eine moderierende T√§tigkeit vor. Dabei f√ľhrt er die Konfliktparteien in der Verhandlung und steuert die Gespr√§che, so dass diese m√∂glichst konstruktiv erfolgen. In der Praxis wird er aber auch Sachverhalte zum Konflikt beurteilen, den Konfliktparteien Ratschl√§ge erteilen und somit teils als Schlichter sich einbringen. Die √úberg√§nge zwischen Moderation, Mediation und Schlichtung sind flie√üend, wie der folgenden Darstellung entnommen werden kann:

Darstellung des Mediatortyps nach Franke

Quelle: Mediatortypus (Franke (2006))

 

Eine Variante der Mediation sieht die Kopplung mit einem Schiedsgerichtsverfahren vor. Bei diesem Verfahren hat der Mediator nach erfolgloser Mediation das Recht, den Konflikt verbindlich zu entscheiden.

Ein Mediationsverfahren eignet sich nach Franke f√ľr die folgenden typischen Konfliktf√§lle im Bauwesen:

  • Nachtragsforderungen (dem Grunde und der H√∂he nach)
  • Baum√§ngel
  • Bauverz√∂gerung (z. B. aus ge√§nderten oder zus√§tzlichen Leistungen oder durch unerwartete Begebenheiten ‚Üí aufgrund der sekund√§ren und terti√§ren Sch√§den meist nicht mehr justitiabel)
  • Abnahme
  • Zahlungen (Zahlungsziele; Zahlungsmodalit√§ten)

Die Vorteile eines projektbegleitenden Mediationsverfahrens sind wie folgt:

  • Die Konfliktparteien behalten die Kontrolle √ľber den Verlauf und die Ergebnisse der Verhandlung.
  • Mediation ist ein z√ľgiges Verfahren und f√ľhrt zu Kosten- und Zeitersparnissen.
  • Mediation vermeidet unn√∂tige B√ľrokratie.
  • Mediation zielt auf ein rechtlich und wirtschaftlich tragbares Ergebnis ab.
  • Angestrebt wird eine "Win-Win-Situation".
  • Das Beziehungsverh√§ltnis wird verbessert und die zuk√ľnftige Zusammenarbeit wird gef√∂rdert.
  • Es herrscht Vertraulichkeit.
  • Das Mediationsverfahren ist nicht-√∂ffentlich und vermeidet so Negativpresse.

 

Schlichtung

‚ÄěSchlichten bedeutet, einen Streit anderer durch begr√ľndende oder beruhigende Worte beenden oder, anders ausgedr√ľckt, die streitenden Parteien dazu zu bringen, von ihrem Zank abzulassen."

Grieger (2006)

Die Schlichtung unterscheidet sich im Verfahrensablauf, den Frage- und Verhandlungstechniken usw. nicht von der Mediation. Beide Verfahren sind diesbez√ľglich identisch.

Wenn ein neutrale Dritte jedoch als Schlichter beauftragt wird, hat er zwei aufeinander aufbauende Aufgaben. Zun√§chst ist es seine Aufgabe, auf die Parteien beruhigend einzuwirken, sodass diese im besten Fall eine eigene L√∂sung zu ihrem Konflikt finden. Er unterst√ľtzt wie bei der Mediation die Parteien bei der L√∂sungsselbstfindung. Scheitert er damit, so hat er die M√∂glichkeit den Parteien einen begr√ľndeten L√∂sungsvorschlag zu unterbreiten, den diese annehmen oder ablehnen k√∂nnen.

Die Schlichtung ist nach Grieger einzuordnen zwischen Mediation und richterlicher Entscheidung. Zur Mediation besteht der Unterschied lediglich darin, dass der Schlichter den Parteien einen Einigungsvorschlag unterbreiten darf, was bei der Mediation streng genommen nicht erlaubt ist, wenn auch häufig doch erfolgt.

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Vergleich Mediation - Schlichtung - justizielles Verfahren

 

F√ľr den Vergleich Medition, Schlichtung und justizielles Verfahren siehe Grieger:

 Justizielles VerfahrenMediationSchlichtung
Was kennzeichnet das Ergebnis? fremdbestimmtes Urteil;
fremdbestimmter Schiedsspruch
Einigung in Eigenverantwortung entwickelt m√∂glichst in Eigenverantwortung entwickelte Einigung w√ľnschenswert;
Vorschlag des Schlichters möglich
Was ist die Rolle des Dritten? Entscheidungsträger; bewertend moderiert, strukturiert das Konfliktgespräch ohne Entscheidungsbefugnis;
neutral
moderiert, strukturiert das Konfliktgespräch;
macht gegebenenfalls Schlichtungs-vorschlag;
Was ist der Bezugspunkt der Entscheidung bzw. Lösung? das Gesetz die Interessen der Parteien die Interessen der Parteien
Was ist der Zweck? Problemerörterung;
Fehlersuche;
Sachverhalts-aufklärung;
rechtliche Bewertung
Herausarbeiten der Interessen der Parteien;
Lösungssuche
Herausarbeiten der Interessen der Parteien;
Lösungssuche
Wie ist die Blickrichtung? Vergangenheitsbezug Zukunftsorientierung;
die in der Zukunft liegenden Interessen sind maßgeblich
Zukunftsorientierung w√ľnschenswert;
die in der Zukunft liegenden Interessen sind möglichst maßgeblich
Wie ist der Weg zur Lösung? Wettbewerb;
Konfrontation;
Kommunikation √ľber die Anw√§lte
Kooperation;
direkte Kommunikation
möglichst Kooperation;
direkte Kommunikation

 


 

Literaturquellen

  • Englert / Franke / Grieger (2006); Streitl√∂sung ohne Gericht

 


Bearbeitungsstand dieser Webseite: April 2018

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