Mitarbeiter in Saudi-Arabien
Anlagenbau in Saudi-Arabien
Staudamm- & Kraftwerksbau in Nepal
Tunnelbau/-sanierung in Indien

Bau-Consulting Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirt.-Ing. (FH) Laurenz Görres

Wissenswertes rund ums Risikomanagement

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Einleitung

 

‚ÄěKein Gewinn ohne Risiko.‚Äú

Pinnells (2007)

Das Risikomanagement auf Projektebene nimmt insbesondere im Planungsprozess und der Projektsteuerung eine immer wichtigere Rolle ein, dessen sich die Unternehmer bis heute aber nicht bewusst sind, obwohl vielfach in der Literatur auf die hohe Bedeutung des Risikomanagements hingewiesen wird. Als Beispiel hierf√ľr seien die folgenden Aussagen aus der Fachliteratur chronologisch aufgef√ľhrt:

‚ÄěIt [the paper] concludes that risk management is essential to construction activities in minimizing losses and enhancing profitability.‚ÄĚ

Akintoye (1997), Risk analysis and management in construction

‚ÄěDas Beherrschen des Baurisikos ist zum zentralen Erfolgsfaktor f√ľr Bauunternehmen geworden.‚Äú

Meinen (2004), Qualitatives Risikomanagement in der Bauwirtschaft

‚ÄěNicht erkannte oder falsch eingesch√§tzte Risiken k√∂nnen grosse finanzielle Verluste bedeuten und stellen dabei eine teilweise existenzbedrohende Gefahr f√ľr diese Unternehmen dar.‚Äú

‚ÄěSystematisches Risikomanagement ist unerl√§sslich.‚Äú

Busch (2005)

‚ÄěBauunternehmen m√ľssen insbesondere ihre F√§higkeiten bei der Identifikation und Quantifizierung von Risiken verbessern und die Instrumente schaffen, um den Umfang der Risiken ‚Äď ausgedr√ľckt durch die Risikokosten - im Rahmen der Kalkulation zu ber√ľcksichtigen.

Oepen (2012), Risikoorientierte Bauprojekt-Kalkulation

 

Das Thema Risikomanagement ist f√ľr eine erfolgreiche Projektakquise und Projektabwicklung ein sehr wichtiger Aspekt, jedoch wird es in der Baupraxis weder effektiv praktiziert noch mit dem Vertragspartner richtig kommuniziert. Nachfolgend finden Sie einige wissenswerte Aspekte zum Thema "Risikomanagement" aus der Sicht der Projektakquise.

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Definition der Begriffe "Risiko" und "Ungewissheit"

 

In einem Angebot kann generell unterschieden werden zwischen sicheren und unsicheren Annahmen. Die unsicheren Annahmen können differenziert werden zwischen "Risiken" und "Ungewissheiten".

Darstellung des Begriffes Unsicherheit und Ungewissheit

Quelle: eigene Darstellung

 

Definition des Begriffs "Risiko"

Die Herkunft des Begriffes "Risiko" ist nicht eindeutig und l√§sst sich aus vielen Sprachen ableiten. Nach dem ableitenden W√∂rterbuch der deutschen Sprache leitet sich das Wort vom italienischen Begriff "rischio" mit dem Bedeutungsinhalt "Klippe" oder "Gefahr" ab. Dieser Begriff hat wiederum seine Wurzeln im lateinischem Wort "resicum", das auf das altgriechischem Wort "Rhiza" zur√ľckzuf√ľhren ist und "Stein" bzw. "aus festem Land gehauen" bedeutet, was wiederum die Klippe darstellt.

In der heutigen Literatur - wie auch im Sprachgebrauch - gibt es immer noch viele unterschiedliche Definitionen des Begriffes "Risiko". Alle haben gemeinsam, dass sie eine in der Zukunft liegende Entwicklung einzuschätzen versuchen.

‚ÄěEin Risiko ist ein (Wert-)Objekt, das einer potenziellen zuk√ľnftigen Wertver√§nderung unterliegt (bezogen auf einen vorgegebene Zeitraum oder eine vorgegebene Entscheidungssituation).

Die Wertveränderung (und damit das Risiko selbst) wird beschrieben durch eine Zufallsvariable bzw. deren Wahrscheinlichkeitsverteilung ..."

Cottin u. a. (2009)

 

F√ľr den Begriff "Risiko" gibt es im Wesentlichen zwei Definitionen, die sich wie folgt darstellen:

Definition 1:

‚ÄěUnter Risiko wird die M√∂glichkeit verstanden, dass eine Handlung oder Aktivit√§t mit nachteiligen Folgen verbunden ist, die zu k√∂rperlichen oder materiellen Sch√§den f√ľhren."

Drees/Paul (2006)

In dieser Definition wird der Begriff "Risiko" ausschlie√ülich mit "nachteiligen Folgen" und "Sch√§den" in Verbindung gebracht. "Risiko" steht insofern nur f√ľr "Gefahren" und beinhaltet keine "Chancen"; eine im allgemeinen Sprachgebrauch durchaus h√§ufig zu findende Vorstellung, da mit dem Wort "Risiko" zumeist Negatives assoziiert wird.

 

Darstellung des Risikobegriffes nach Drees/Paul

Quelle: eigene Darstellung

 

Definition 2:

"Unter Risiko versteht man die M√∂glichkeit, dass die durch eine Entscheidung ausgel√∂sten Abl√§ufe nicht notwendigerweise zum angestrebten Ziel f√ľhren und es zu negativen oder positiven Zielabweichungen kommt. Risiko l√§sst sich durch die Bestimmung von Tragweite und Eintrittswahrscheinlichkeit quantifizieren"

Stempowski (2002), Risikomanagement

In diesem Sinne ist "Risiko" als ein neutraler Begriff zu verstehen. M√∂gliche positive Abweichungen stellen Chancen dar, die, wenn sie sich realisieren, als Erfolg bezeichnet werden. Negative Abweichungen werden dagegen als Gefahren bezeichnet, die im Eintrittsfall zu Sch√§den f√ľhren. Der Risikobegriff steht neutral dar√ľber. Diese Umschreibung des Wortes "Risiko" findet sich etwa im (Gl√ľcks-)Spiel, bei Kapitalanlagen oder auch im "unternehmerischen Risiko" wieder, also dort, wo das Risiko nicht nur negative, sondern auch positive Werte annehmen kann.

 

Darstellung des Risikobegriffes nach Stempowski

Quelle: eigene Darstellung

 

In der Literatur und im Sprachgebrauch wird nicht immer exakt zwischen "Risiko" und "Gefahr" unterschieden bzw. der Begriff "Risiko" mit dem Begriff "Gefahr" gleichgesetzt.

 

Andere Untergliederungen des Risikos sind wie folgt:

  • symmetrische Risiken und
  • asymmetrische Risiken.

Oder aber Untergliederung in:

  • reine Risiken und
  • spekulative Risiken.

 

Handelt es sich um ein symmetrisches Risiko, so k√∂nnen infolge des Risikos sowohl Chancen als auch Gefahren auftreten. Bei einem asymmetrischen Risiko ber√ľcksichtigt dieses entweder nur eine Chance oder nur eine Gefahr.

Ein reines Risiko erfasst ausschlie√ülich Gefahren und kann insofern auch als ein asymmetrisches Risiko mit einer Zielabweichung in negativer Richtung bezeichnet werden. Ein spekulatives Risiko dagegen ber√ľcksichtigt sowohl negative als auch positive Abweichungen von einem Zielwert.

Diese Risikobegriffe lassen sich wie folgt darstellen:

Darstellung des Begriffes Risiko nach Busch

Quelle: Busch (2005)

 

Sonstiges zum Risiko:

  • Der Risikobegriff steht immer mit einem Ereignis in der Zukunft in Verbindung, das eine Unvorhersehbarkeit aufweist.
  • Ein Synonym f√ľr den Begriff "Risiko" ist das Wort "Wagnis". Dies wird insbesondere im unternehmerischen Bereich anstelle des Begriffes "Risiko" verwendet.
  • Ein wichtiges Merkmal eines Risikos ist ferner, dass f√ľr ein Risiko die Tragweite (T) und die Wahrscheinlichkeit (W) angegeben werden kann. Die Risikokosten errechnen sich aus dem Produkt beider Werte:

R = W x T

 

Anmerkung: Die Berechnung des Risikos auf diese Weise setzt allerdings voraus, dass sich eine gen√ľgende Anzahl von zuf√§lligen Ereignissen unter stets gleichen Bedingungen finden und eine statistische Regelm√§√üigkeit gegegeben ist (Grundvoraussetzung f√ľr das Kolmogorowsche Axiom). Im Bauwesen f√ľhrt dies hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeiten jedoch zu erheblichen Schwierigkeiten, da vergleichbare Ereignisse in gen√ľgender Anzahl kaum zur Verf√ľgung stehen. Ereignisse im Bauwesen lassen sich i. d. R. nicht reproduzieren.

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Definition des Begriffs "Ungewissheit"

Die "Ungewissheit" ist ein kaum bis gar nicht geläufiger Begriff in der Baupraxis. Sie stellt neben dem bekannten "Risiko" jedoch eine weitere wichtige Größe im Risikomanagement dar. Kulkarni umschreibt die "Ungewissheit" wie folgt:

"When the probability distribution of an outcome is unknown, it is termed uncertainty as against risk where there exists precise definitions of probability distribution of an associated event. … This in turn means uncertainty exists when the consequences of an event can not be clearly quantified."

Kulkarni (2002) 
angelehnt an Knight (1921), Risk, uncertainty and profit

 

Eine etwas präzisere Definition der "Ungewissheit" findet sich bei Smith:

"Uncertainty can be regarded as the chance occurrence of the same event where the probability distribution is genuienely not known. This means that uncertainty relates to the occurence of an event about which little is known, except the fact that it may occur. Those who distinguish uncertainty from risk define risk as being where the outcome of an event, or each set of possible outcomes, can be predicted on the basis of statistical probability."

Smith (2006)

 

Von Ungewissheiten wird gesprochen, wenn zu einem Ereignis in der Zukunft keine Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmt werden kann bzw. wenn die Auswirkungen eines zuk√ľnftigne Ereignisses nicht quantifiziert werden k√∂nnen. Es wird dabei unterschieden zwischen:

  • partielle Ungewissheit, bei der entweder die Wahrscheinlichkeit oder die Tragweite unbekannt ist:
    R = ? x T evtl. auch R = W x ?
    und
  • volle Ungewissheit, bei der sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Tragweite unbekannt sind
    R = ? x ?

Ungewissheiten sind, auch wenn sie nicht quantifiziert werden k√∂nnen, gleichwohl Teil des Risikomanagements und m√ľssen in diesem Ber√ľcksichtigung finden. Risiken, die nicht erkannt oder ber√ľcksichtigt werden, bleiben als Ungewissheiten trotzdem in Projekt bestehen. Ungewissheiten sollten, da sie sich nicht einkalkulieren lassen, vertraglich behandelt werden.

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Zusammenfassende Darstellung von Risiken und Ungewissheiten

√úber den Projektverlauf lassen sich Gewissheiten und Ungewissheiten wie folgt darstellen.

Darstellung der Unterschiede Gewissheit und Ungewissheit

Quelle: eigene Darstellung

Vom Stadium voller Ungewissheit in der Phase der Projektinitiierung wird √ľber ein Stadium mit diversen Risiken und Ungewissheiten w√§hrend der Projektausf√ľhrung das Stadium der vollen Gewissheit am Projektende erreicht. Dies resultiert daraus, dass im Projektverlauf immer mehr Entscheidungen getroffen werden und sich die Summe der Risiken und Ungewissheiten damit verringert, weil sich diese entweder realisiert haben oder nicht mehr auftreten k√∂nnen. Dadurch nimmt die Einflussm√∂glichkeit des Risikomanagements im Projektverlauf ab. Den gr√∂√üten Einfluss hat das Risikomanagement immer am Beginn eines Projektes. Smith stellt diesen Sachverhalt wie folgt dar:

 

Darstellung des Begriffes Ungewissheit nach Smith

Quelle: angelehnt an Smith (2006)

 

Aus der Sicht des Kalkulators lassen sich die Risiken wie folgt gliedern:

 

Darstellung der Risiken und Ungewissheiten detailliert

Quelle: eigene Darstellung

 

Risiko und Ungewissheiten können ganz allgemein wie folgt definiert werden:

  • Risiken existieren, wenn zu einer Entscheidung mehrere Ergebnisse m√∂glich sind, die je mit einer Wahrscheinlichkeit und einem maximalen Schadensausma√ü belegt werden k√∂nnen.
  • Ungewissheiten existieren, wenn es zu einem Ereignis mehrere m√∂gliche Ergebnisse gibt, die nicht mit einer Wahrscheinlichkeit oder einem maximalen Schadensausma√ü belegt werden k√∂nnen.

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Bestandsgefährdende Risiken bzw. Ungewissheiten

Das KonTraG (Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich) sieht vor, dass das Risikomanagement eines Unternehmens insbesondere die bestandsgef√§hrdenden Risiken bzw. Ungewissheiten fr√ľhzeitig aufdecken muss. Das Ziel des KonTraG ist es also, nicht alle, sondern nur schwerwiegende Risiken zu erkennen, die das Unternehmen als ganzes in seiner Existenz gef√§hrden k√∂nnte.

Bestandsgef√§hrdend sind jene negative Risiken, die im Falle der Verwirklichung dazu f√ľhren, dass das Unternehmen Insolvenz anmelden muss. Die Insolvenz tritt ein, wenn das Unternehmen entweder zahlungsunf√§hig oder √ľberschuldet ist. Die Zahlungsunf√§higkeit liegt vor, wenn das Unternehmen (Schuldner) nicht in der Lage ist, seine laufenden Zahlungsverpflichtungen zu erf√ľllen bzw. seine Zahlungen einstellt (¬ß 17 InsO). Auch die drohende Zahlungsunf√§higkeit, bei der das Unternehmen (Schuldner) voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, seinen bestehenden Zahlungsverpflichtungen fristgerecht nachzukommen (¬ß 18 InsO), ist eine Insolvenzm√∂glichkeit. Eine √úberschuldung liegt vor, wenn das Verm√∂gen des Unternehmens (Schuldners) die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt (¬ß 19 InsO) bzw. wenn das Eigenkapital durch Verluste soweit aufgezehrt wurde, dass das Fremdkapital das Verm√∂gen √ľbersteigt.

 

Darstellung bestandsgefährdender Risiken

Quelle: Göcke (2001)

 

F√ľr das Risikomanagement auf Projektebene bedeutet dies, dass innerhalb der Projekte Ausschau gehalten werden muss nach Risiken oder Ungewissheiten, die alleine f√ľr sich oder in Summe mit anderen Risiken und Ungewissheiten soweit nach oben "durchschlagen" k√∂nnen, dass das Unternehmen gef√§hrdet wird.

Besondere Gefahren gehen dabei von Projekten aus, die einen gro√üen Teil des Umsatzes ausmachen und einen √ľberm√§√üigen Teil der Ressourcen des Unternehmens binden (Kapazit√§tsrisiko). Die Konzentration auf einen einzigen Kunden bzw. auf einen einzigen Auftrag geht mit einer sehr gro√üen Gef√§hrdung einher. Bei solchen Gro√üprojekten hat das Risikomanagement auf Projektebene, wie aber auch auf Unternehmensebene eine ganz besondere und wichtige Bedeutung.

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Risikokosten in der Kalkulation

 

In der Kalkulation sind an verschiedenen Stellen Risikokosten zu ber√ľcksichtigen. Wie diese Risiken erfasst werden, ist je nach Literaturquelle (Autor) bzw. Anwender (Kalkulator) ganz unterschiedlich. Aus der folgenden Darstellung wird ersichtlich, wie die Ber√ľcksichtigung der Risikokosten urspr√ľnglich angedacht war bzw. wie sie heute laut Lehrbuch ber√ľcksichtigt werden. In der Praxis werden die Risikokosten dagegen h√§ufig weit weniger stark differenziert erfasst.

 

Darstellung Risikokosten in der Kalkulation

Quelle: eigene Darstellung

 

Die KLR Bau - das Standardwerk f√ľr die heute im Bauwesen √ľblichen Kalkulationsweisen - stellt die Risikokostenans√§tze noch anders dar. Gralla bezieht sich in seiner Darstellung der Risikokosten auch nicht auf die KLR Bau, sondern lehnt sich an die urspr√ľnglich angedachte Risikoerfassung des Ribau und an der von Opitz an.

Die pr√§ziseste Kosten- und Risikostruktur ist jedoch nach Opitz gegeben, die aber auf Grund von Verordnungen der damaligen Zeit so nie zur Anwendung kam. Aus Sicht des Kalkulators fehlt ihr lediglich ein Risikokostenbestandteil bei den EKT, der bereits zuvor vom Ribau angedacht war und auch von Gralla ber√ľcksichtigt wird.

Hilfreich bei der Strukturierung der Risikokosten im Bauwesen kann auch - in Anlehnung an das Bankenwesen - die Untergliederung der Risikokosten nach erwarteten Verlusten, statistischen Verlusten und Stress-Szenario-Verlusten sein.

Die erwartete Verluste sind Risikokosten, die sich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einstellen werden. Insofern k√∂nnen sie als Risiken bereits eliminiert und stattdessen besser als feste Kosten eingeplant werden. Erwartete Verluste k√∂nnen auch als R√ľckstellungen f√ľr zuk√ľnftige Kosten angesehen werden.

Die statistischen Verluste ergeben sich aus einem historischem R√ľckblick auf bestimmte Risiken (z. B. Sparten-/Branchen- oder Unternehmensrisiko).

Die Stress-Szenario-Verluste ergeben sich aus der Betrachtung extremer Situationen in einem Projekt. Da jedes Projekt in einigen Bereichen Einmaligkeitscharakter hat, k√∂nnen √ľber Szenarien die Auswirkungen besonderer Projektumst√§nde (wie z. B. Schlechtwetter, Hoch- und Niedrigwasser, Termin√ľberschreitungen, Vertragsstrafen, aussergew√∂hnliche Kostensteigerungen usw.) ermittelt und abgesch√§tzt werden.

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Die einzelnen Risikokosten-Bestandteile

 

Die folgenden Risikokosten-Bestandteile sollten in einer Kalkulation ber√ľcksichtigt und kenntlich gemacht werden:

  • besonderes Bauwagnis in den EKT ("EKT-Risikokosten"),
  • besonderes Bauwagnis in den BGK ("BGK-Risikokosten"),
  • allgemeines Bauwagnis in den AGK ("Branchen- bzw. Spartenwagnis") und
  • (allgemeines) Unternehmenswagnis (als separat zu erfassender Kostenbestandteil) und nicht als Teil von Wagnis und Gewinn.

Die EKT-Risikokosten ber√ľcksichtigen dabei Risiken, die auf gew√∂hnliche Mengenverluste, Lohn- und Materialpreissteigerungen zur√ľckzuf√ľhren sind. Des Weiteren sollten die EKT-Risikokosten gew√∂hnliche √Ąnderungen bei den Ger√§tekosten und Kosten von Nachunternehmerleistungen erfassen, sofern sich diese im betrachteten Prognosezeitraum ergeben k√∂nnen. Leistungs- und Aufwandswerte sollten in den EKT dagegen so erfasst werden, dass sie nicht als risikobehaftet gelten. Ausgangspunkt dieser Risikoeinsch√§tzung ist der Kenntnisstand zur Zeit der Erstellung der Kalkulation, von dem aus die √Ąnderungen zur Zeit der Ausf√ľhrung antizipiert werden. Diese erwarteten √Ąnderungen sind als Risikokosten direkt in den EKT einzurechnen (Bsp.: heutiger Einkaufspreis Bewehrungsstahl: x,- Euro; Bestellung bzw. Einkauf in voraussichtlich in 9 Monaten; Einkaufspreis zum Zeitpunkt der Bestellung: x,- Euro zzgl. vermuteter Preis√§nderung zum Zeitpunkt der Bestellung von őĒ,- Euro). Mittels der EKT-Risikokosten bzw. dem besonderen Bauwagnis in den EKT werden insbesondere erwartete Verluste ber√ľcksichtigt.

Die BGK-Risikokosten werden in der Praxis h√§ufig nur deterministisch erfasst, indem ein prozentualer oder absoluter Sch√§tzbetrag eingerechnet wird. Dieser liegt, sofern eine Szenarioanalyse gemacht wurde, meist irgendwo zwischen dem "Best case-Szenario" und dem "Worst case-Szenario". Es liegt sozusagen eine Punktl√∂sung vor, die die Spanne zwischen Best case- und Worst case-Szenarion aber nicht weiter ber√ľcksichtigt. Die Einzelrisiken werden bei einem solchen Vorgehen nicht richtig erfasst und analysiert und es kann nur bedingt von einem "Management der Risikokosten" gesprochen werden. Die Risikoaggregation mittels der Monte Carlo-Simulation liefert dagegen eine Verteilung zu den Gesamt-Risikokosten eines Projektes. Statt eines einzelnen Wertes liegt ein Verlauf der Risikokosten bzw. ein Risikoprofil vor, das den Gesamt-Risikokosten Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnet. F√ľr die Angebotspreisermittlung ist aus dieser Verteilung heraus ein einzelner Wert zu bestimmen, der als Ansatz f√ľr das "besondere Bauwagnis der BGK" (BGK-Risikokosten) in die Kalkulation zu √ľbertragen ist. Der Vorteil hierbei ist, dass aus der Verteilung heraus genau die Lage des gew√§hlten Kostenansatzes bestimmt, begr√ľndet und kommuniziert werden kann. Es liegen so erheblich mehr Informationen vor, um eine fundierte Entscheidung √ľber den Risikokostenansatz zu treffen.

Dies lässt sich wie folgt darstellen:

Darstellung Risikokosten in der Kalkulation

Quelle: eigene Darstellung

 

Es gilt jedoch zu ber√ľcksichtigen, dass es sich auch bei der Aggregation der Risikokosten mittels der Monte Carlo-Simulation um eine Absch√§tzung und keine definitive Kostenbestimmung handelt, wie auch Smith feststellt:

"The main purpose is to demonstrate that there is a range of possible outcomes for a project rather than a single value and to show how risk and uncertainty influences that range. It was never the intention, nor is it possible, to treat the results of risk analysis as accurate forecasts of future outcomes. They are better approximations than a single figure estimates with a nominal contingency added. They also lead to better understanding and management of risk."

Smith (2006)

√úber die BGK-Risikokosten bzw. dem besonderen Bauwagnis in den BGK werden haupts√§chlich Stress-Szenario-Verluste ber√ľcksichtigt. Gerade f√ľr die Bewertung eines Angebotes k√∂nnen diese f√ľr den Auftraggeber von Interesse sein. Erst die quantitative und qualitative Darlegung der BGK-Risikokosten macht ein Angebot zu anderen Angeboten vergleichbar. Bis heute wird dies aber kaum bei der Vergabe ber√ľcksichtigt.

Das Branchen bzw. Spartenwagnis ist mittels einer Pauschale zu erfassen, die f√ľr einen Kostenausgleich innerhalb der Projekte einer Sparte (bzw. Branche) sorgt. Kleinere "Ausrei√üerprojekte" einer Sparte, bei denen die angesetzten Herstellkosten zur Projektabwicklung nicht ausreichen, werden √ľber diesen "Risikopuffer" kostenm√§√üig ausgeglichen und abgedeckt. Dieser Risikokostenansatz sollte f√ľr jede Sparte nur so hoch angesetzt werden, dass sich dieser "Puffer" √ľber alle Projekte stets ausgleicht. Der Kostenansatz geh√∂rt prinzipiell zu den Herstellkosten, weil es sich um Kosten handelt, die bei den Projekten anfallen. Jedoch sollte dieser Kostenansatz √ľbergeordnet bei den AGK erfasst werden und dem Projekt somit zun√§chst nicht zur Verf√ľgung stehen. Da die Projekte verschiedener Sparten immer unterschiedlich risikobehaftet sind, ist die Differenzierung nach Sparten wichtig, damit die Projekte von Sparten mit geringeren Risiken, die mit h√∂heren Risiken nicht "subventionieren". Mittels der Sparten- bzw. Brachenwagnisse werden statistische Verluste ber√ľcksichtigt.

Das (allgemeine) Unternehmerwagnis ergibt sich aus einer Pauschale, die von der Unternehmensf√ľhrung vorgegeben wird und jene Risiken abzudecken hat, die aus dem allgemeinen Gesch√§ftsbetrieb der Unternehmung entstehen. Es handelt sich dabei um Kosten, die den AGK zugeordnet werden und zu deren Ausgleich sie heranzuziehen sind. Insbesondere dient das Unternehmerwagnis dazu, Fehlprognosen der AGK abzudecken, die sich aus einem ver√§nderten Konjunkturverlauf oder anderen Unternehmensrisiken eingestellen. √úber das (allgemeine) Unternehmerwagnis werden statistische Verluste ber√ľcksichtigt.

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Anmerkungen zur Praxis

 

Von allen aufgef√ľhrten Wagnissen (Risiken) sind die BGK-Risiken mit besonderer Sorgfalt zu behandeln. In ihnen summieren sich jene Risiken, die die Einmaligkeit eines Projektes ausmachen und diesem einen Unikat-Charakter geben (spezifische Projektrisiken). Es handelt sich insofern um Risiken, die nur bedingt durch einen historischen R√ľckblick bewertet werden k√∂nnen, sondern stets ganz neu und projektspezifisch zu ermitteln sind. Sie haben auf das Projektergebnis und auf das Unternehmensergbnis einen gro√üen Einfluss.

"Daher stellen die Projektrisiken bei Unternehmen der Bauwirtschaft die wichtigste Hauptrisikogruppe in Bezug auf die aktuelle/akute Unternehmensgefährdung dar."

Busch (2005)

Gerade an dieser Stelle liegen in der Praxis große Defizite vor, die sich auf beide Vertragsparteien negativ auswirken.

Wenn der Besteller (AG) keine Vorgaben zur Erfassung von Risiken bzw. zum Risikomanagement macht, werden die Bieter (ANs) die Risiken nach eigenem Verst√§ndnis interpretieren, einpreisen und im Angebot ber√ľcksichtigen. Der Besteller erh√§lt dadurch ganz unterschiedliche Angebote, die nicht direkt vergleichbar sind, da diese bei der Erfassung der Risiken ganz unterschiedliche Leistungen beinhalten, die f√ľr den Besteller nicht ersichtlich sind.

F√ľr die Auftragnehmer f√ľhrt eine rein deterministische Betrachtungsweise der Projektrisiken dazu, dass wesentliche Informationen zur Risikoeinsch√§tzung im einzelnen Projekt, wie aber auch im ganzen Unternehmen nicht vorliegen. Die einzelnen Risiken summieren sich √ľber die Projekte nach oben auf (bottom-up Prinzip) und werden so zu einem Teil der Unternehmensrisiken. Sind die Risiken bzw. Risikokosten in den Projekten jedoch nicht vollst√§ndig bekannt, k√∂nnen die Gesamtrisiken des Unternehmens auch nicht ermittelt und angegeben werden. Die monet√§re Gesamtrisikobelastung des Unternehmens ist unbekannt.

 


 

Literaturquellen

  • Reichsverband industrieller Bauunternehmunge e. V. (1929); Selbstkostenermittlung f√ľr Bauarbeiten
  • Opitz (1940); Selbstkostenermittlung f√ľr Bauarbeiten - Teil 1: Anleitung f√ľr den Aufbau der Preisermittlung
  • Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. (2001); KLR Bau - Kosten- und Leistungsrechnung der Bauunternehmen
  • G√∂cke (2001); Risikomanagement f√ľr Angebots- und Auftragsrisiken von Bauprojekten
  • Kulkarni (2005); An Algorithm for Decision-Making at the Front-End in International Project Management
  • Busch (2005); Holistisches und Probabilistisches Risikomanagement-Prozessmodell f√ľr projektorientierte Unternehmen der Bauwirtschaft
  • Wiedenmann (2005); Risikomanagement bei der Immobilien-Projektentwicklung unter besonderer Ber√ľcksichtigung der Risikoanalyse und Risikoquantifizierung
  • Smith (2006); Managing Risk in Construction Projects
  • Nemuth (2006); Risikomanagement bei internationalen Bauprojekten
  • Dress u.a. (2006); Kalkulation von Baupreisen
  • Pinnells (2007); Risikomanagement in Projekten
  • Fischer u.a. (2007); Das Auftragsrisiko im Griff
  • Cottin et al. (2009), Risikoanalyse
  • Gralla (2011); Baubetriebslehre - Bauprozessmanagement

 


Bearbeitungsstand dieser Webseite: April 2018

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